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„Beweglich und offen für neue Technologien bleiben"

Die Hamburger Kroenert Gruppe hat sich in ihrer 112-jährigen Firmengeschichte zu einem führenden Sondermaschinenbauer in der Beschichtungstechnik entwickelt. Geschäftsführer Dr. Tarik Vardag richtet die Gruppe systematisch auf Zukunftsmärkte aus. Im Interview erklärt er, wie er das Unternehmen auf Basis vorhandenen Knowhows in neue Märkte wie Leichtbau, Lithium-Ionen-Speicher, Organische Photovoltaik oder Printed Electronics lenkt, ohne dabei die klassischen Anwendungen zu vernachlässigen. Gewinne gehen in Forschung und Entwicklung sowie in gemeinnützige Stiftungen.

Herr Dr. Vardag. Ihre Vorgänger bei Kroenert haben in den letzten 112 Jahren so manche schwierige Situation gemeistert.
Tarik Vardag: Weltkriege, Wirtschaftskrisen und Branchenkrisen haben sie oft zum Umlenken und zum Neuaufbau gezwungen. Aber wir sind seit 1903 hier in Hamburg verwurzelt. Aus einer dieser Krisen ist unser von den Mitarbeitern kofinanziertes Technology Center hervorgegangen, in dem wir heute neue Verfahren entwickeln und in Kooperation mit unseren Kunden erproben. Das ist für uns als Sondermaschinenbauer, wo keine gelieferte Anlage der anderen gleicht, eine ganz zentrale Voraussetzung.
Wie arbeiten die vier Unternehmen der Kroenert Gruppe zusammen?
Vardag: Neben Kroenert als Spezialist für Kaschierung und Beschichtung von Papier, Karton, Kunststoff- und Metallfolien oder Textilien gehören die Bachofen + Meier AG sowie die Drytec GmbH & Co. KG mit Trocknungs-, Befeuchtungs- und UV-Härtungstechnik zu uns. In Kroenert-Anlagen sind in aller Regel Drytec-Trockner verbaut. Wo es passt, setzen wir auch auf Antriebslösungen unserer Schwestergesellschaft ZAE Antriebssysteme. Alle vier Unternehmen mit insgesamt rund 400 Mitarbeitern sind unter dem Dach der ATH Altonaer-Technologie Holding vereint. Sie reinvestiert operative Gewinne in Innovation und fördert über gemeinnützige Stiftungen die wissenschaftliche Ausbildung und weitere soziale Anliegen.
Bei Kroenert fällt eine starke technologische Diversifizierung auf. Was sind Ihre wichtigsten Märkte?
Vardag: Wir sind in vielen Nischenmärkten unterwegs. Die große Spange ist die Veredlung von Materialien in Rolle-zu-Rolle-Prozessen, wobei wir uns im Highend-Bereich bewegen. Je spezifischer die Anforderungen, desto besser können wir unsere Stärken ausspielen. Unsere drei Kernbereiche sind erstens der Verpackungsmarkt, wo wir alle erdenklichen Folien veredeln. Denken Sie an Chipstüten, Joghurtdeckel, Kaffee-Kapseln oder auch unterschiedlichste funktionale Folien im Medizinbereich. Zweitens werden auf unseren Anlagen technische Produkte wie Klebebänder und Haftetiketten, graphische Filme und Folien sowie Schutz- und Reflexionsfolien für Auto- und Verkehrsschilder gefertigt. Das Produkt kann jeweils einfach sein, solange die Herstellung komplex ist. Das gilt auch in unserem dritten Bereich Clean Technologies. Wir beliefern unter anderem das Gros der Zulieferer im Passagierflugzeugbau mit Anlagen, die Gewebe oder Gelege aus Kohlenstofffasern hoch präzise in Epoxidharz einbetten. Daneben sind wir in der Beschichtung der Anoden- und Kathoden von Lithium-Ionen-Batterien und Membranen für Brennstoffzellen sowie flexiblen organischen Photovoltaik-Zellen aktiv. Wir beschichten im Bereich der Nanotechnologie in Schichtdicken unter 100 Nanometer, was unter anderem in Anwendungen im Bereich Printed Electronics gefordert ist. In der Regel decken wir jeweils einen Teil einer größeren Prozesskette ab und müssen von daher sehr eng mit unseren Kunden, Entwicklungspartnern und Materialzulieferern kooperieren.

Sie haben viele Eisen im Feuer. Wo machen Sie heute Ihre Umsätze?
Vardag: Der Bereich Clean Technologies ist zwar eher in die Zukunft gerichtet, trägt aber durchaus schon beachtlich zum Umsatz bei. Noch aber machen wir den Großteil unseres Umsatzes im Bereich der technischen Produkte, also der Etiketten und graphischen Filme, sowie im Verpackungsbereich.
Erwarten Sie in der Druck- und Beschichtungstechnik für Verpackungen Wachstum oder ist dieser Bereich bei Ihnen eher konsolidiert?
Vardag: In gewisser Weise kann man von Konsolidierung sprechen. Doch gibt immer wieder neue Anwendungen, die Wachstumsimpulse auslösen. Etwa die Kaffee-Kapseln, bei denen es in den letzten Jahren enorme Zuwächse gab. Für uns hat der Verpackungsmarkt hohe Bedeutung. Und wir bereiten uns mit gedruckter Elektronik auch auf Innovationen in diesem Markt vor. Denken Sie an aufgedruckte RFID-Etiketten für hochwertige Produkte.
Sie formulieren den Anspruch, in allen Bereichen Technologieführer zu sein. Wie gehen Sie vor, um dieses Ziel zu erreichen?
Vardag: Entscheidend sind unsere Kompetenzen, unsere kreativen Mitarbeiter und unser Technology Center. Wir entwickeln dort die Komponenten unserer Anlagen ständig weiter, erproben neue Verfahren, wie etwa die simultane beidseitige Folienbeschichtung. Bei solchen Projekten arbeiten wir eng mit Entwicklern unserer Kunden, mit Chemielieferanten und auch mit Hochschul- und Forschungsinstituten zusammen.
Inwieweit können Sie als Sondermaschinenbauer modular bauen?
Vardag: Wir sind auf dem Weg, die Modularität zu erhöhen. Für Kunden in Schwellen- und Entwicklungsländern haben wir eine Baureihe entwickelt, die stark standardisiert und modularisiert ist. Auch unsere anderen Baureihen und vor allem in der Anlage in unseren Technology Center können wir durch den Austausch der Beschichtungsköpfe Dutzende verschiedener Auftragsverfahren umsetzen. Die Anforderungen in Highend-Anwendungen sind allerdings meist zu spezifisch, als dass sich die Technik einfach übertragen ließe.
Können Sie denn das Knowhow aus der Papier- und Kartonbeschichtung auf ihre Zukunftstechnologien übertragen?
Vardag: Ich sehe unser Knowhow darin, unsere Anlagen kundenspezifisch zu modifizieren. Wir machen das mit unseren eigenen Mitarbeitern, haben also in dem Sinne kein zusätzliches Knowhow ins Unternehmen geholt – sondern wir entwickeln dieses aus eigener Kraft. Ich erwarte von unseren Ingenieuren aus Verfahrenstechnik, Maschinenbau und Elektrotechnik, dass sie sich auf neue Themen einlassen und sich fachfremdes Wissen aneignen. Das ist nötig, um Technik unserer großen Fertigungsanlagen für kleinere Laboranlagen in den neuen Technologiefeldern zu übertragen. Wir gehen bewusst den Weg vom Fabrik- zum Labormaßstab, um Kunden in Zukunftsmärkten von Anfang an begleiten zu können. Bei anziehendem Wachstum können wir die Anlagen mit unserem Knowhow schnell wieder auf Fabrikmaßstab skalieren.
In der Druck- und Papiertechnik sind neue unternehmerische Ideen und Mut zur Veränderung gefragt. Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter dabei mitnehmen?
Vardag: Wir selbst müssen beweglich und offen für neue Technologien sein. Dafür brauchen wir eine generelle Richtung in der unsere Mitarbeitern Raum für Kreativität finden. Statische Zielvereinbarungen dürfen nicht zum Korsett werden, das die Beweglichkeit einschränkt. Aber es geht auch darum, dass die Mitarbeiter die Freiheiten nutzen, sich auf neue Themen einlassen und für den interdisziplinären Austausch offen bleiben.

Wo sehen Sie denn Ihre künftigen Wachstumsmärkte?
Vardag: Überall, wo Flächen an veredeltem Material gebraucht werden. Ob das nun flexible Photovoltaik für Fassaden, Fenster oder Großraumzelte ist, ob organische Leuchtdioden, mit denen ganz neue Flächenbeleuchtungen sind oder der Batteriemarkt. In all diesen Märkten sind noch technologische Fragen zu klären, damit es richtig losgehen kann. Aber das Potential ist zweifellos da.
Haben sie auch internationales Wachstum im Blick?
Vardag: Nicht in dem Sinne, Produktionsstandorte im Ausland aufzubauen. Wir gehen anders vor. Wir vernetzen uns international, suchen den Austausch mit Forschungsinstituten und Entwicklungspartnern aus Innovationsbranchen. Wir wollen das erfolgreiche Modell der hohen Vernetzung in Deutschland und Europa auf internationalem Niveau fortführen.

www.vdma.org

 

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